Am 16. September 2017 war Software Freedom Day. Software Freedom? Was ist das eigentlich? Kann Software denn "frei" sein? "Freie Software" ist heute weitgehend unter dem Begriff "Open Source Software" bekannt. Ein Begriff der in den Achzigern geprägt wurde und die offene Zugänglichkeit des Quelltextes beschreibt. Er steht paradigmatisch für die Aneignung eines Innovationsprinzips durch die Geschäftswelt. Befürworter des Prinzips der gemeinschaftlichen Softwareentwicklung machen sich bis heute für den Begriff "Freiheit" stark, da den Nutzern und Mitentwicklern von Software durch freie Lizenzen gewisse Freiheiten zugestanden werden, die bei anderen Lizenzmodellen, so genannter "proprietärer" Software, nicht haben.

Um auf diese Besonderheiten von Freier Software aufmerksam zu machen, die auch für praemandatum eine wichtige Rolle spielen, hat praemandat Daniel, aktiver Linux User in der BeLUG, am 16.9.2017 in Berlin einen Software Freedom Day organisiert. Dort fand sich die Gelegenheit für spannende Vorträge über die Bedeutung Freier Software, deren praktische Anwendungpotentiale und schließlich politischer Zusammenhänge, die sich daraus ergeben.

Informationen zu den Vorträgen beziehungsweise Vortragsfolien und Videoaufzeichnungen nun endlich hier. Vielen Dank an dieser Stelle an die freiwilligen Helfer der Belug, FSFE Fellows und der c-base für die Räumlichkeiten, drumherum und die Aufnahmetechnik. Und natürlich vielen Dank an die Vortragenden:

  • Volker Grassmuck gibt einen kleinen Abriß über die Entstehung und die unglaubliche Erfolgsgeschichte Freier Software.
  • Daniel selbst zieht den Zusammenhang der prägenden Rolle von Technik in der Gesellschaft und warum Freie Software darum wichtig ist, um Kontrolle über seine Daten zu behalten. (pdf)
  • Peggy Sylopp erzählt über das Potential Freier Software in infrastrukturarmen Gegenden. Durch Freie Software  können WLAN-Router dazu verwendet werden, Netzwerke zum lokalen Datenaustausch zusammen zu schließen. Wo keine Internetprovider sind, können lokale Gemeinschaften so eigene Internet-Strukturen bauen.
  • André Klöpfel berichtete über die Möglichkeiten Freier Software im Bildungsbereich. Hierzu hier kein Video, weiter unten aber eine kleine Zusammenfassung und die Folien.
  • Schließlich stellte Polina Malaja die Kampagne der Free Software Foundation vor und  begründete, warum finanzierte Software eigentlich immer auch Freie Software sein sollte. (pdf)

Mehr dazu im Folgenden:

Freie Software ist die Erfolgsgeschichte des Jahrhunderts ... aber kein Schwein kriegt's mit: WTF?

Volker Grassmuck geht darauf ein warum Freie Software eine wahnsinnige Erfolgsgeschichte ist und warum es verwundern sollte, warum das generell unter dem Radar bleibt.

Datenschutz und Privatsphäre mit Freier Software schützen

Daniel Guagnin gibt einen Überblick, warum Freie Software wichtig ist im alltäglichen Umgang mit Information(stechnik). Und wie und wieso Freie Software uns dabei helfen kann, Kontrolle über unsere Daten und unsere Technik zu behalten.

Nachtrag: Kleiner Hinweis (Danke, Andreas): Das hier erwähnte Ghostery ist übrigens nicht Freie Software, das erwähnte ublock filtert auch Tracking. Hinterlasst gerne als Kommentar eure Lieblingstools.

Wireless Community Projects in Brasilien: Wie in infrastrukturarmen Gegenden selbst verwaltete Netze entstehen.

Peggy Sylopp erzählt, wie durch Freie Software auf WLAN-Routern in Gegenden, in denen kein Internet Anbieter investieren möchte, die lokalen Gemeinschaften zusammen eigene Netze aufbauen können. Und sie erklärt das Prinzip Freifunk und warum warum Kontrolle über Technik mit Selbstbestimmung zu tun hat.

Über die Open Source Netzwerke in Brasilien berichtete Peggy übrigens auch auf dem Netzpolitischen Abend (youtube, 20 Minuten).

Potentiale Freier Software im Bildungsbereich

André Klöpfel gab einen interessanten Input über die potentiale Freier Software im Bildungsbereich. Gerade hier ist es essentiell, dass der Zugang zu Software möglichst niederschwellig ist und somit auch die finanziellen Kosten für Nutzungs-Lizenzen keine extra Hürden darstellen. Außerdem ist die Anpassungsmöglichkeit von Software ebenfalls für den Bereich der Bildung wichtig und ermöglicht hier auch eine praktische Auseinandersetzung mit der Schöpfung von Inhalten mit digitalen Medien. Häufig sind aber alternative Programme nicht bekannt, oder es gibt Vorbehalte dagegen. Hoffnungsvoll ist daher der präsentierte Fall einer Grundschule aus dem Umland von Berlin, wo ein überalterter Computerraum mit ablauffenden Nutzungslizenzen proprietärer Software ersetzt wird mit kostengünstigen Freie Software Alternativen. (Folien dazu hier)

Public Money, Public Code

Polina Malaja (FSFE) stellte schließlich die frische Kampagne der Free Software Foundation Europe dar. Hier geht es darum, dass Software, die mit öffentlichen Geldern geschaffen wird, doch so beschaffen sein sollte, dass die öffentliche Hand auch frei über das Produkt verfügen darf und nicht an enge Nutzungsvorgaben durch Hersteller gebunden ist. Öffentlich finanzierte Software sollte daher auch Freie Software sein. Im Anschluss an Polinas Vortrag wurde ein Info-Video vorgestellt, dass eine Analogie von Software zu öffentlichen Gebäuden zieht. Seltsame Vorstellung, dass an die Turnhalle kein weiterer Street-Ball Platz angebaut werden darf, weil die Nutzungslizenz das verbietet. Das Video veranschaulicht sehr schön, was freie Software möglich macht.

Nochmal zusammengefasst...

Im Wesentlichen geht es um folgende Rechte, die durch spezielle, freie Software Lizenzen sichergestellt werden:

  1. Jede*r darf die Software für beliebige Zecke nutzen
  2. Jede*r darf sich anschauen, wie die Software genau funktioniert.
  3. Jede*r darf die Software verändern
  4. Jede*r darf die Software - auch in veränderter Form - weiterverbreiten.

Aus dem letzten Punkt ergibt sich, dass die Software in der Regel kostenlos erhältlich ist. Aber das ist nicht das Wichtigste und außerdem gibt es heutzutage auch Beispiele von Apps, die im App Store von Google gekauft werden können, die aber auch frei erhätlich sind. Andere Anbieter von Freier Software fokussieren ihr Geschäftsmodell auf die Anpassung oder Unterstützung der Software oder bieten kostenpflichtige Zusatzdienste an.

Viel wichtiger aber als die meist kostenlose Bezugsmöglichkeit der Software ist die Möglichkeit der Einsichtnahme in den Quelltext ("Open Source"), also die abstrakt sprachliche Funktionsbeschreibung der Software. Sie ist zwar nicht jedem Nutzer intuitiv verständlich, aber die Offenheit ermöglicht eine Art Kontrolle der Vielen über die Funktionsweise eines Programms. Darunter fällt die Kontrolle, dass nicht unerwünschte Hintertüren in die Software eingebaut werden. Und obendrein ermöglicht die "Software Freiheit" eine Anpassung des Programms an die eigenen Bedürfnisse ohne jemanden um Erlaubnis bitten zu müssen. Die Veränderung der Software ist nämlich üblicherweise bei Software, die nicht "frei" ist (also "proprietär"), nicht erlaubt. Nutzern Freier Software steht es also frei, unabhängig vom Hersteller die Software selbst zu verändern oder von eigens angeheuerten Programmierer*innen verändern zu lassen.

Team Redaktion praemandatum