Mein Tag als Philosophin und Detektivin

Voller Vorfreude, Neugier und mit der Frage „nach dem großen Unbekannten“ im Hinterkopf, stand ein Besuch im Museum Schloss Herrenhausen an. Wo doch die Ausstellung „GEHEIMNIS“ an sich nicht geheim ist, so war es doch ihr Inhalt … und der Weg, sie zu finden. Einen langen Gang geradeaus, an der Büste von Leibniz scharf rechts eine Treppe runter, einmal links durch den nächsten dunklen Gang, scharf rechts und wieder hoch. Wer einmal „Asterix erobert Rom“ geguckt hat, darf sich zu Recht an Passierschein A38 erinnert fühlen. Während ich aufpassen musste, im Halbdunklen nicht gegen die nächste Glasvitrine zu laufen, baute sich die Spannung auf das Geheimnis der Geheimnisse immer weiter auf. Was wird sich mir hinter diesen großen und schweren Türen offenbaren?

Der erste Eindruck nach dem Öffnen der Türen: viel zu viel pink. Wie auf dem CeBit-Stand Telekom, nur ohne Freigetränke und mit fehlender Liveband. Eine riesige, magentafarbene Wand und dahinter ein magentafarbener Teppich. Etwas perplex stand ich nun dort und fragte mich: Zufall oder gewollt? Ein bisschen zögerlich ein zwei Schritte rein und für mich stand fest, so schnell geh ich hier nicht raus! Das Ziel verfolgend, auch die kleinste versteckte Information zu finden. Mein Ehrgeiz lässt grüßen.

Stellen für versteckte Hinweise waren schnell gefunden. Was ist ein Geheimnis? Wie definieren wir Privatsphäre? Was gibt es für Möglichkeiten geheim, jedoch in der Öffentlichkeit zu kommunizieren? Wie entschlüssele ich eine Geheimsprache? Wie schützt das deutsche Recht Geheimnisse? Wie können Nachrichten auf technischer Ebene verschlüsselt werden? Auf all diese Fragen fand ich Antworten. Doch je mehr Informationen ich fand, (- die doch manchmal recht offensichtlich platziert waren, man beachte die Ironie -) desto mulmiger wurde mir. Jeder aufgedeckte Hinweis war wie ein Spiegel und die Reflektion teilweise erschreckend. Ein Geheimnis ist Wissen, Wissen ist Macht, Macht bedeutet Verantwortung.

In dem Moment, in dem wir ein Geheimnis an uns nehmen, werden wir Geheimnisträger*innen. Doch was es bedeutet, Geheimnisträger*in zu sein, lässt sich aus den unterschiedlichsten Blickrichtungen betrachten. Die Grundschulfreundin, die einem auf dem Schulhof ins Ohr flüsterte: „Aber nicht weiter sagen!“. Mit Aussagen wie diesen werden Geheimnisträger*innen geboren. Aber nicht nur im Privaten können wir den Job Geheimnisträger*in ausüben, auch in unserem beruflichen Alltag sind wir Geheimnisträger*innen. Sie haben für Ihren Job eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet? Dann sind Sie Geheimnisträger*in.

"Das Beichtgeheimnis ist der älteste Datenschutz." Walter Mixa, Ex-Bischof"
"Leaks sind keine systematische Kontrolle, sondern punktuell und basieren darauf, dass Einzelpersonen Verfehlungen öffentlich machen." Dorothee Riese, Politologin
"Aber sag's nicht weiter!" Gutemine, Frau des Häuptlings  Majestix
Zitatquellen: Allgemeinwissen und das Print-Magazin zur Ausstellung

Eines lässt sich mit gutem Gewissen sagen: Geheimnisträgerin war, bin und werde ich wohl mein ganzes Leben lang sein.

Geheimsprachen – Kommunikation im Alltag

Unter Geheimsprachen können wir nicht nur bewusst verschlüsselte Nachrichten, der Algorithmus dahinter sei hier egal, verstehen, sondern auch die Art und Weise, wie wir mit unseren Mitmenschen im Alltag in Form von Sprache kommunizieren. Familie, Freund*innen, Kolleg*innen, mit jeder dieser Personengruppen können wir auf eine bestimmte Art und Weise, aus der Sicht eines Außenstehenden in einer Geheimsprache kommunizieren. Man könnte überspitzt sagen, dass der bayrische Dialekt für Norddeutsche eine Geheimsprache ist. So wie für einen Bayern Plattdeutsch. Als ich mein Praktikum bei praemandatum startete, brauchte ich erst einmal zwei bis drei Tage, um die verbale Form der Kommunikation meiner Kollegen im Büro richtig zu verstehen. Neckische Anmerkungen, liebevolle Beleidigungen, um die wahre Bedeutung der Aussagen zu verstehen, müsste ich erst einmal die Beziehungen zwischen den Akteur*innen verstehen.

Ich (23) gehöre einer Generation mit einem stark ausgeprägten Bedürfnis nach Sicherheit an. Wie wir Sicherheit gewährleisten können, wissen wir jedoch nur in Maßen. Die Generation Y ist mit starkem digitalen Fortschritt und dem Internet aufgewachsen. Wir haben neue Gefahren beobachtet, miterlebt, waren und sind betroffen. Wir geben unsere personenbezogenen Daten auf digitaler Ebene preis, ohne uns der Konsequenzen bewusst zu sein und wenn wir mal ehrlich sind … viele wissen auch nicht, was alles personenbezogene Daten sind: Medienkompetenz = „kann man das essen?“, „gibt es dafür einen Snapchatfilter?“

Warum zur Hölle tun wir das? Die Antwort erscheint recht simpel - Gruppenzwang. Wir bilden uns ein, in der großen Masse zu verschwinden. Schließlich machen das doch alle aus unserem Umfeld.

„Ich habe doch eh nichts zu verbergen.“

Erinnern wir uns doch mal an die Maslowsche Bedürfnishierarchie. So geben wir die Daten frei, um das Grundbedürfnis des sozialen Umgangs zu befriedigen und ignorieren dabei ein anderes. Viele entscheiden sich für die soziale Integrität und stellen dabei ihr Grundbedürfnis Sicherheit hinten an. So schnell, wie das Häkchen für das Einverständnis gesetzt ist, so schnell ist auch der Gedanke an die Sicherheit verflogen. Der Hintergedanke „Ich habe doch eh nichts zu verbergen“, ist dann meist das innerliche Argument, sich selbst davon zu überzeugen, dass das Häkchen zu setzten nicht falsch war, dass Transparenz gut sei. Doch können Geheimnisse nicht sogar gesund sein? Ist es denn so falsch, ein Geheimnis zu haben? Warum sollten wir uns selber Privatsphäre verbieten?

Bei jedem Schritt durch die Ausstellung arbeitete mein Gehirn auf Hochtouren. An jeder kleinen Ecke gab es die Möglichkeit, zu lernen, zu erkennen, zu reflektieren. Sei es ein Arbeitsplatz mit Telefonanlage, die über die rechtliche Grundlage eines Geheimnisträgers im Beruf aufklärt oder auch ein begehbares Wohnzimmer, in dem Geheimnisse direkt vor der Nase im Bücherregal versteckt sind, natürlich nicht offensichtlich. Alles lud zum Detektivin spielen ein, ganz gebannt von dem Unbekannten. Von einer „Faszination des Grauens“ zu sprechen, wäre übertrieben; jedoch war ein misstrauisches und bedrückendes Gefühl der Hilflosigkeit mein ständiger Begleiter. Mit der Zeit stellte ich mir die Frage, ob ich meine Privatsphäre heutzutage überhaupt noch schützen könne, ohne direkt in eine einsame Berghütte auswandern zu müssen.

"Das bleibt mein Geheimnis."

Es ist nun ein Paar Wochen her, dass ich diese Ausstellung besucht habe und ich erwische mich mehrmals am Tag dabei, wie ich mich an sie erinnere. Die Ausstellung eröffnete mir die Möglichkeit, Alltagssituationen aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten und meinen Bewusstseinshorizont zu erweitern.

Erst die Tage überkam es mich, einmal darauf zu achten, wie stark ich eigentlich Videoüberwachung in meinem Alltag ausgesetzt bin. Der Weg zur Arbeit hat mir dann schon gereicht. Liebe Mitmenschen … zählt doch einmal alle Hinweise auf Videoüberwachung beim Weg nach Hause.

Vielleicht fällt auf, dass dieser Beitrag viele unbeantwortete Fragen beinhaltet, die von jede*m individuell beantwortet werden können. Schließlich definiert jede*r Privatsphäre anders, hat andere Schutzbedürfnisse. Meine Antwort auf all diese offenen Fragen?

Das bleibt mein Geheimnis.

Die Autorin: Laura S.-W. ist Studentin der Wirtschaftsinformatik im 6. Semester und bis Februar 2018 Praktikantin bei praemandatum.

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Ausstellung GEHEIMNIS der Nemetschek- Stiftung noch bis zum 8. April 2018

Öffnungszeiten:
18. bis 31.10.2017 von 10 bis 18 Uhr
1.11.2017 bis 31.3.2018 dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr
1. bis 8.4.2018 von 10 bis 18 Uhr
im Museum Schloss Herrenhausen, Herrenhäuser Straße 5, 30419 Hannover
Telefon +49 511 168-49383
Eintritt: Erwachsene 3 Euro, Schüler*innen 2 Euro

Die Website der Ausstellung

Bilder: die Nemetschek-Stiftung/Presse und DH privat