Review. Oder aktuell: Internet ist überall. Scharf auf dich!

Der verstorbene Journalist und Mitherausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, regte im Sommer 2013 die Unternehmerin Yvonne Hofstetter an, ein Insider-Buch über Big Data zu schreiben. Die Expertin für künstliche Intelligenz arbeitet schon lange selbst im Big-Data-Analysegeschäft.

„Sie wissen, wie die Systeme funktionieren … Ihnen glaubt man“, zitiert Hofstetter ihren ‚Coach‘ Schirrmacher im Nachwort: ein respektvoller und dankbarer Nachruf.

Das Buch erschien im September 2014 beim Verlag C. Bertelsmann mit dem Titel „Sie wissen alles. Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen“. Yvonne Hofstetter will nicht nur über die unvorstellbaren Datenmassen aufklären, die durchs Internet fließen und von intelligenten Algorithmen analysiert und neu berechnet werden. Vom „Geschäftsmodell ‚Abhören und steuern‘“ werden die Daten gewinnbringend und/oder kontrollierend genutzt. Aber wie!

Die Lesermeinungen zum Buch gehen weit auseinander und reichen von ‚apokalyptischen Weltuntergangsszenarien‘ über ‚bemüht anekdotisch‘, ‚naiv‘ oder auch ‚klasse zu lesen‘ ebenso wie ‘viel zu ausschweifend‘ bis zur ausdrücklichen Empfehlung als Lektüre für die Schule in der Oberstufe.

Die ZEIT 'Literatur' eben kurz zitiert: „Dieses Buch über die Macht intelligenter Maschinen ist so alarmierend wie sachkundig.“ (1.10.2014)

Der veröffentlichende Verlag stellte das Buch als ein „hochaktuelles Debattenbuch über die totalitäre Tendenz von Datensystemen“ vor.

Angesichts von „Stasi-Barbie“ (TAZ) und sich dahin schleppender Datenschutzrichtlinien und Debatten: Das Buch ist offensichtlich weiter hochaktuell!

Der Bewusstwerdung, dem Umlernen im Umgang mit persönlichen Daten und einer hoffentlich nicht einschlafenden Debatte um Big Data, ob in der Schule, am Stammtisch, im Parlament, ist dieser Blogbeitrag gezollt. Er konzentriert sich auf das Schlusskapitel von Yvonne Hofstetter. Aufbruch. Yvonne Hofstetter formuliert eindringlich ein „Update der Gesellschaft“ mit den anstehenden Aufgaben des Einzelnen, des Staates und der Technologen: „[...] für den freien Menschen und die Demokratie – gegen Überwachung, Kontrolle, Zensur und Manipulation durch staatliche und private Einrichtungen.“ (S. 317)

Die Verfasserin dieses Blogbeitrages ist auch angetrieben von „wie sag‘ ich‘s meinem Kinde?“ (Debatten erwiesen sich bisher als völlig sinnlos), ersatzweise den Nachbarn oder Freunden – im Facebook, soso. Kurz gesagt: Aufklärung. Bekanntmachung. Mitmachung. Vielleicht um den Menschen nach langen Blog-Beiträgen lieber gruselig manipulative Big-Data-Geschichten life zu erzählen. Analog. Von Angesicht zu Angesicht.

Erst ein WDR-Interview, „Tischgespräch“ mit Yvonne Hofstetter vom Mai 2015, spät im Herbst 2015 als Wiederholung zufällig belauscht, ließ mich für dieses Buch aufhorchen und führte zu dem Gedanken, es könne wirklich viel Bedeutung haben und die Menschen erreichen.

Yvonne Hofstetter wirkt im WDR-Interview authentisch als Mensch und so glaubwürdig wie kompetent für „ihre“ Sache. Mit ihrem fachkundigen Buch-Plädoyer, Demokratie und die Menschenwürde gegen Big Data zu verteidigen, ohne komplett auf Gadgets und Technologien zu verzichten, kommt sie dankenswerterweise nicht moralinsauer daher.

Für Datenschutzexperten mag dies hier nun gar nicht neu sein. Doch allein die Tatsache, dass eine Technologieexpertin mit einem zutiefst christlichen Bild der Menschenwürde, also eher aus konservativer Richtung, ihre Erfahrungen und Gedanken alarmierend veröffentlicht, macht Hoffnung. Hoffnung auf neue Leserschaft und besser informierte Debatten in einflussreichen sozialen Milieus. Womöglich auch in sogenannten sozialdemokratischen, liberalen oder christlich-demokratischen Unionen und Parlamenten.

Aufgaben für alle

Yvonne Hofstetter beschreibt ausführlich die Notwendigkeit, persönlichen Daten eine vorrangige Stellung gegenüber den „Geschäftsmodellen ‚Abhören und steuern‘“ einzuräumen, um Würde und Freiheit des Menschen zu garantieren. Die Technologieexpertin greift die Forderung von Frank Schirrmacher nach einer Debatte zur Bewusstseinsbildung auf, um ein Umdenken in Gang zu setzen, insbesondere auch die Anerkennung der Subjektivität persönlicher Daten.

Den ‚Homo oeconomicus‘, diesen „Primat des Kapitals“ und seine Effizienzkriterien als fehlerhaftes Denkmodell zu überwinden, ohne erneut eine Ideologie von Marxismus zu gestalten, hin zu einer sozialen Informationsökonomie, so zeichnet sich Hofstetters stattliche Vision ab. Antworten auf die vielen Fragen, die dieses schwierige Unterfangen um Big Data aufwirft, seien nur gemeinsam zu finden.

Aufgaben für den Einzelnen: Persönliche Daten schützen und ziviler Widerstand (S.285)

Für die einzelnen Nutzer, die Bürgerinnen und Bürger, formuliert Hofstetter neben ihrem Appell an die Gesetzgeber, die Rechte dieser „Datensubjekte“ zu schützen, vorerst „Datensparsamkeit“ zu üben. Auch wenn die Hingabe an Kontrolle der smarten Heizungsthermostate, der smarten Navigation, der ‚Cloud‘ so herrlich bequem geworden ist. Die digitale Revolution fordere unsere Charakterstärke und Eigenverantwortung heraus. Im weltweiten Netz wieder schweigsamer werden: „Wer abwarten kann – eine Tugend, die uns mit der Beschleunigung der Kommunikation abhanden gekommen ist, -, wer zuerst nachdenkt, bevor er Freude, Probleme, Sinn und Unsinn des Alltags ungeduldig mit-'teilt', der schützt sich selbst [...]“ (S. 289)

Die Autorin erinnert daran, sich wieder eine echte Privatsphäre zu schaffen, in der auch nicht moralisiert wird. Ständiges Moralisieren führe auch zur Dauerbeobachtung, daher sei echte Privatsphäre ein Raum, in dem jedes Individuum selbst bewusst entscheiden könne, „wie nachhaltig, datensparsam oder ökologisch“ es sich verhalten will.

 

Aufgaben für den Staat

„Grundrechte für Datensubjekte schaffen“ (S. 292)

Rahmenbedingungen für private Bewegung neu zu gestalten, sieht Yvonne Hofstetter als Aufgabe von Demokratie und Staat. Die Autorin plädiert klar dafür, die Demokratie gegen Big Data zu verteidigen.

Zu der Dringlichkeit neuer Datenschutzrichtlinien äußert sie sich ausführlich. 28 verschiedene Datenschutzgesetze in Europa, die Uneinigkeit der einzelnen Länderregierungen für eine Europäische Datenschutzrichtlinie, bei der Blockade sei Deutschland Anführer, all das nennt die Autorin schwer verständlich angesichts der Notwendigkeit einer Vereinheitlichung.

Für die digitalen Grundrechte von Bürgerinnen und Bürgern liefert Hofstetter, die Juristin ist, einen zusammenfassenden Entwurf, „wie Menschenwürde gewahrt und persönliche Freiheits- und Herrschaftsrechte garantiert werden könnten“. Ihren Entwurf hier weiter zu kürzen, würde an dieser Stelle dessen Qualität verfälschen. Wer tiefer einsteigen will, findet den Text auf den Seiten 292 bis 296.

Fast zwei Jahre nach Erscheinen von Hofstetters Buch ist die europäische Vereinheitlichung neuer Datenschutzrichtlinien noch immer langwierig in der Mache und unser Datenschutzexperte Peter Leppelt (GF praemandatum) benennt es so: „LEIDER, denn sie wird wieder nur ein Beispiel für einen allerkleinst-möglichen gemeinsamen Nenner“.

„Internationale Algorithmenabkommen schließen“ (S. 296)

Allein nationaler Schutz der Grundrechte reicht der Buchautorin in der global digitalisierten Welt nicht. Freiheitsrechte und Menschenwürde seien offenbar sehr auslegungsfähig. Hofstetter hält internationale Algorithmenabkommen für möglich, auch wenn sie klar aufzeigt, wer und was sich alles dagegen sträuben würde.

Zum Inhalt eines solchen Abkommens gehören für die Juristin die digitalen Grundrechte und weitere Vereinbarungen wie auch Verbote für ausländische Einrichtungen, zusammengefasst auf den Seiten 297 und 298.

Weitere Aufgaben für den Staat benennt Hofstetter mit deutlichen Begründungen. Hier nur in Kürze:

Die Machtkonzentration der Big-Data-Giganten und Monopolisierung von Big-Data-Technologien bekämpfen

Stichwort Kartellrecht (S. 299f)

„Besteuerung revidieren“ (S. 302)

Statt Arbeitsentgelte progressiv und Kapitalerträge pauschal zu besteuern, dieses Modell genau umkehren, um die soziale Marktwirtschaft zu stärken.

„Den Staat professionalisieren“ (S. 304)

Es fehle an Experten, die intelligente Algorithmen und Big-Data-Geschäftsmodelle verstehen. Der Staat müsse sich technologisch schnell organisieren, um lenkend eingreifen zu können.

Europäische IT-Vorhaben finanzieren (S. 307)

Hofstetter meint hohe Finanzierung statt ‚Chuzpe‘ … Trinkgelder nach dem Gießkannenprinzip seien völlig sinnlos. Neben internationaler Wettbewerbsfähigkeit stehe dabei auch der Sicherheitsaspekt mit im Vordergrund: „Eine eigene IT-Infrastruktur – eigene Rechnernetzwerke, Verschlüsselungstechniken, europäische Clouds – ist systemrelevant für die Zukunft“. (S. 309)

Klare Grenzen zwischen Mensch und Maschinen ziehen (S. 309)

Klare Standpunkte in Form von gesetzlichen Regelungen und „gesellschaftsweitem Technikethos“ einnehmen, wie weit die informationelle Aufrüstung des Menschen gehen darf. Stichworte: Cyborgs, Transhumanismus, Selbstoptimierungswahn.

 

Aufgaben für die Technologen

„Maschinen sozialisieren: Conventions by Design“ (S. 311)

Wenn schon die Vernetzung aller Dinge wie Autos, Handy, Haus, Spielzeug etc. nicht aufzuhalten ist, sollten die Technologen bereits in frühen Entwicklungsphasen mehr Sicherheit und Privatsphäre berücksichtigen (Security by Design + Privacy by Design). „Sie können auch Maschinen sozialisieren“ und ihnen gutes Benehmen beibringen (S. 314), Stichwort: Rules of Encounter

 

Fast am Ende – oder?

Yvonne Hofstetter hat ein aufrüttelndes, weiter hochaktuelles Buch geschrieben, auch für Menschen, die sich bisher noch gar nicht vorstellen konnten, was mit unseren Daten alles gemacht wird. Für Menschen, die keine Sachbücher diesen Umfangs und Gehalts lesen können - aus welchen Gründen auch immer -, lassen sich die Botschaften und Beispiele anders aufbereitet weitergeben. Dieses Buch zur Lektüre für Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe zu machen, ist doch schon eine coole Idee. Sie wurde angeregt von einem Leser, der das Buch seinem Enkel zur Konfirmation geschenkt und eine Leserezension im Internet veröffentlicht hat.

Oder ist alles schon zu spät? Wir gewöhnen uns an ständige Überwachung und fühlen uns womöglich sogar sicherer damit, wie einst als Kleinkind?

Oder sollten wir statt auf den Staat zu warten oder zu hoffen, lieber jegliches Vertrauen einstellen und entweder verschlüsselte oder analoge Wege gehen? Die Buchautorin zeigte sich in Buch und Interviews ebenfalls sehr skeptisch.

Wer hier zu wenig gefunden hat von erschreckenden Big-Data-Geschichten etwa über den Datenhandel auch der share economy, über „Terra Forming“ nach Yvonne Hofstetter und was unser Datenzombie im Internet „performt“, findet im Internet viel Lesefutter. Zum Beispiel den aufschlussreichen Beitrag von Christoph Fellmann im schweizer Tagesanzeiger: „Im Bett mit dem Kapitalismus“. Dort sind wir „Ödipus, der das Orakel des Algorithmus erfüllt“.

dh

P.S. Darf es noch etwas mehr sein? In den Kommentaren unter diesem Interview mit Yvonne Hofstetter in der Freitag liest sich eine lebhafte „Unterhaltung“, unter anderem: Über die Guten und die Bösen; den Reflex: „Ganz so schlimm wird es schon nicht sein“ und ob es naiv ist, staatliches Eingreifen zu fordern.

Update 4.2.2016
In netzpolitik.org beleuchtet Fabian Warislohner zur Debatte um Verschlüsselung stärker das "Internet der Dinge". Er bezieht sich auf einen Bericht von Harvards Berkman Center vom 1.2.2016 und zieht das Fazit: "Wir sollten nicht den Kopf in den Sand stecken bei all den wachsamen Augen, Ohren und aufziehenden Wolken-Computern. Vielmehr müssen wir die Debatte um den Einsatz von Verschlüsselung im 'Internet of Things' führen – und darüber, ob wir unkontrollierte bis unkontrollierbare Technologien auch in den letzten Winkel unserer Privatheit eindringen lassen wollen."