Digitale Stromzähler per Gesetz ans Netz – Datenhoheit ungeklärt

Alle Jahre wieder, während manischer Freudentaumel großer Fußballereignisse, winkt die Politik möglichst still und leise umstrittene Themen durch. Neben Fracking und Glyphosat standen unter anderem auch das verschärfte Anti-Terror-Paket und ein Gesetz zur Installation digitaler Stromzähler auf dem Programm.

Doch noch taumeln die deutschen Fans nicht im wilden Freudengeheul wie etwa die sympathischen Isländer, sondern haben vielleicht doch noch das ein oder andere Auge auf umstrittene Vorhaben.

Digitale Stromzähler sind nun ohne großen Einwand durch. Beinahe hätte ich das übersehen, weil mich die fröhlichen Isländer bei der EM so begeisterten ...

Digitale Stromzähler werden zukünftig nicht wie digitale Heizungsmessgeräte nur für gewerbliche Objekte und Großverbraucher gesetzlich vorgeschrieben, sondern später auch für private Haushalte ab 6.000 KW Verbrauch pro Jahr. Und Vermieter dürften ihre Mieter zu den smarten Geräten verpflichten.

BLACKOUT

Wie ich darauf kam: Auffällig im sozialen Netzwerk meiner “privaten” Echokammer war zuallererst die geteilte Sorge vor Hackerangriffen im Stromnetz. Dabei erschien in vereinzelten Kommentaren die Erinnerung an den zwar fiktiven, doch keineswegs zusammen gereimten Thriller ‘BLACKOUT – Morgen ist es zu spät’’. Der Autor Marc Elsberg beschrieb in dem bereits 2013 erschienenen Spiegel-Bestseller ein Horrorszenario, in dem an einem kalten Februartag in ganz Europa die Stromnetze zusammenbrechen. Ein Informatiker vermutet einen Hackerangriff und versucht lange erfolglos, die Behörden zu warnen. Währenddessen liegt ganz Europa im Dunkeln und der Kampf ums Überleben beginnt ...

Nicht überraschend, dass im “Freundeskreis” zuerst der Sicherheitsgedanke um den “Lebenssaft” Strom auftauchte. Datenschutzgedanken zur Privatsphäre blieben weitestgehend im Dunkeln. Wie Europa ...

Gläsern, smart, intelligent?

Dabei fasste der geteilte Beitrag von t-online.de auch die “Angst vor dem ‘gläsernen Strombürger’” zusammen: “Die digitalen Stromzähler sollen langfristig helfen, den Energieverbrauch genau abzubilden und sogar zu steuern – etwa indem die Waschmaschine nachts anläuft, wenn der Strom besonders günstig ist oder das Radio ausgeht, wenn sich niemand mehr im Raum befindet. Noch fehlt es allerdings an Elektrogeräten, die für den Einsatz im ‘intelligenten Energienetz’ ausgelegt sind. Zudem befürchten Kritiker, dass ein massenhaftes Sammeln von Verbrauchsdaten zum ‘gläsernen Strombürger’ führt. Die technische Richtlinie für Smart-Meter-Netze des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) definiert die Verbrauchsabfrage als Schwachstelle. Sie gilt es zu schützen, denn anhand des Stromverbrauchs lassen sich detaillierte Rückschlüsse auf das Verhalten ziehen. Aus Datenschutzgründen sei deshalb der Zugriff auf die im Stromzähler hinterlegten Messwerte einzuschränken. Die sogenannten Smart Meter Gateways erlauben dabei eine gleichzeitige Kommunikation zwischen Verbraucher, Erzeuger und Netzbetreiber.” Quelle t-online.de

Die FAZ berichtete ausführlicher bereits einen Tag zuvor  und aktuell heute über wachsende Kritik an der “Zwangsbeglückung” der Verbraucher.

Datenmanagement als Quelle von Erlösen

Wachsender Widerstand trotz Fußball-EM ... Nein, nein, die FAZ hat Betreiber-Stimmen eingesammelt. Dabei richtet sich der Blick jetzt auch einmal auf Datenmanagement und Geschäft, denn Betreiber und Anbieter wollen Anteile sichern:

"Es ist nicht allein die Sorge um die Verbraucher – deren Ärger sich womöglich vor den Türen der Versorger abladen würde – die Stadtwerke und Regionalnetzbetreiber umtreibt. Sie wollen die von ihnen gesammelten Verbrauchsdaten der Kunden nicht umstandslos an die vier Betreiber des Übertragungsnetzes abtreten. Auch im Energiegeschäft gilt das Datenmanagement als Quelle künftiger Erlöse.” Quelle FAZ

Und das führt zum Kern meiner Sache ‘Datenhoheit’ mit der Frage, wie schützenswert die Verbraucherdaten wirklich sein werden, wenn es doch um profitablen Handel sensibler Daten geht.

Digitale Stromzähler per Gesetz sind wieder ein weiterer Schritt zum ‘Smart Home’, das den Verbrauchern Bequemlichkeit, Effizienz und Nachhaltigkeit sichern soll. Doch die digitale Sammelwut dient sowohl der Kontrolle als auch bisher ungehemmten wirtschaftlichen Interessen.

Menschliche Existenz als Netz kommerzieller Beziehungen

Was der Preis im Zeitalter der unvorstellbaren Datensammlungen sein kann, hat ein Meister der Philosophen-Zunft, Byung-Chul Han, kürzlich wieder ausführlich in der SZ geschrieben. Byung-Chul Han lehrt Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin und seine Veröffentlichungen lassen eigentlich keinerlei Raum für Schönfärberei. Jedenfalls denjenigen, die wesentlich länger als acht Sekunden Aufmerksamkeit auf einen Beitrag legen können:

“Customer-Lifetime-Value bezeichnet den Wert, den ein Mensch während seines gesamten Kundenlebens für ein Unternehmen darstellt. Diesem Begriff liegt die Intention zugrunde, die ganze menschliche Person, ihr gesamtes Leben in rein kommerzielle Werte umzuwandeln. Der heutige Hyperkapitalismus löst die menschliche Existenz gänzlich in ein Netz kommerzieller Beziehungen auf. Es gibt heute keinen Lebensbereich mehr, der sich der kommerziellen Verwertung entzöge.” Quelle SZ

Souverän der Daten

Für Byung-Chul Han ist es Zeit, Widerstand zu organisieren. Ich setze da heute noch etwas mehr oben drauf: Es ist Zeit, ein visionäres Leitbild für Datenschutz und Privatsphäre zu erschaffen. Wer in Suchmaschinen die Worte ‘lifestyle smart home’ eingibt, erhält vielerlei Links zu Werbetexten für Smart-Home. So etwa von RWE SmartHome “Erwecken Sie Ihr Zuhause zum Leben” ... “Ihre Datensicherheit hat höchste Priorität ... Unbefugte bleiben draußen”. Mit klaren Bildern und einfachen Texten will ich ein Leitbild, in dem Verbraucherinnen und Verbraucher als Souveräne ihrer Daten erkennbar sind und niemand ungefragt diese Daten verwendet, berechnet, handelt.

Doch heute ist das zu viel verlangt, die Konzentration meines bequem gewordenen Gehirns lässt nach und in ein paar Stunden gibt es einen echten Anpfiff.

Für Deutschland und die Slowakei. Das muss für heute reichen. Und mein unintelligenter Haushalt hat kein Bier im Kühlschrank. Was kein Schwein interessiert, genauer: kein Algorithmus berechnet :0)  Fortsetzung folgt.

dh